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GASTBEITRAG | Bewusst mittendrin statt „stuck in the middle“

Wie war das noch gleich bei den alten Philosophen: „Der Weg ist das Ziel“? Wenn das mal so einfach wäre… Es gibt Phasen im Leben, die wenig spektakulär und irgendwie mühsam sind. Sie gehören weder zum aufregenden Beginn eines Jahres oder Projektes, noch krönen sie den grandiosen Abschluss desselbigen. Als jemand, der mehrere Halbmarathons gelaufen ist, kann ich bestätigen: diese Phasen fühlen sich an wie die mittleren Kilometer eines Langstreckenlaufs. Irgendwie ‘stuck‘.

Da wir aber nicht die einzigen sind, steckengeblieben in diesen Mittelstreckenabschnitten, und viele von uns ganz gut da durchkommen, muss es mindestens eine Erklärung geben, wie wir den Alltag auch – und gerade – in diesen Zwischenphasen annehmen und sogar genießen können. Aber wie?

Vielleicht, indem wir durch diese Phasen Stabilität erhalten oder eigene Routinen entwickeln, um unser Wohlbefinden zu fördern. Vielleicht aber auch, weil Mittelstrecken Möglichkeiten sind, sich eigene Werte bewusst zu machen und den Fokus gezielt darauf auszurichten, anstatt von der nächsten Herausforderung überwältigt zu sein.

Am Start eines Langstreckenlaufs sind wir aufgeregt und voller Neugier – wie so oft bei neuen Dingen, Themen oder Projekten!

Wie wird der Lauf gelingen? Wie wird sich unser Körper anfühlen? Kriegen wir unser Tempo gut in den Griff, nicht zu schnell und nicht zu langsam? Wir sind voll konzentriert und wollen loslegen. Heute ist DER Tag! Gut vorbereitet, neugierig und offen für neue Erfahrungen.

Aber in unserem Alltag ist eben nicht jeder Tag DER Tag. Im Alltag folgt ein Tag dem anderen. Wir sind nicht jeden Tag gut vorbereitet, neugierig und wissbegierig. Im Gegenteil: gerade in den dunklen, eher tristen Wintermonaten scheint das Tageslicht gar nicht zurückkommen zu wollen und wir lechzen nach mehr Energie, mehr Eifer, mehr Abenteuer. Unser Alltagstrott dagegen fühlt sich eintönig an.

Genau das ist das Schwierige an solchen Mittelstrecken: Wir können diesen Umstand nicht ändern, sie gehören zum Leben dazu. Doch wir können eine andere Haltung zu ihnen einnehmen.

Im Buddhismus gibt es das Prinzip des „Beginner’s Mind“, am besten zu übersetzen mit „Anfängergeist“. Im Kern geht es darum, sich einer neuen Aufgabe so zu nähern, wie man es als Anfänger tun würde: gespannt, neugierig und ohne voreingenommen zu sein.

Auch im Alltag können wir diesen Anfängergeist nutzen, um vermeintliche Durststrecken zu überwinden. Anstatt morgens einfach nur schnell fertig zu werden, könnten wir uns dem Tag mit Neugier stellen.

Stellen wir uns vor, den Kaffee zum allerersten Mal zu riechen – was nehmen wir wahr? Und wie wäre es, wenn wir den Weg zum Einkaufen heute zum ersten Mal gehen würde – auf was würden wir achten? Was würden Kinder feststellen, die noch nie in einem Supermarkt waren? Was würde uns auffallen, wenn wir einen Blick von außen auf den aktuellen Projektstatus werfen würden?

Mit der Haltung des Anfängers kann es gelingen, Kilometer acht bis zwölf unseres Halbmarathons mit Freude und Leichtigkeit anzugehen: Sprich, den tristen Februar, die langwierige Zwischenphase des Projektes und den eingefahrenen Alltag neu zu betrachten. So kann der Mittelteil sogar zum Mittel für unser Wohlbefinden werden.

Doch die Krux liegt darin, dass der Mittelteil überhaupt Mittelteil ist.

Bei einem Langstreckenlauf macht das Sinn, es gibt schließlich einen klar definierten Startpunkt und ein eindeutiges Ziel. Dazwischen? Die Mittelstrecke, genau. Aber wenn wir uns aus dem Moment „herauszoomen“, dann ist selbst ein gesamter Lauf nur ein Mittelteil in dem Feld, in dem wir uns langfristig körperlich betätigen wollen. Und noch weiter herausgezoomt: ist jede Etappe unseres Lebens genau genommen ein Mittelteil.

Im Rückblick auf unser Leben – also einmal ganz stark „herausgezoomt“ – waren zum Beispiel zwei Jahre Pandemie vielleicht erst der Anfang von einer großartigen Phase der Persönlichkeitsentwicklung. Oder die vier langen Wintermonate dienten mit viel Lesen und Recherchieren rückblickend nur der Vorbereitung für all die Ausflüge, die wir im Frühjahr umgesetzt haben.

Ist dann wirklich der Weg das Ziel? Nun, wie so oft ist es eine Frage der Perspektive.

Der Autor James Clear vertritt hier einen ziemlich radikalen Standpunkt. Aus seiner Sicht führen konkrete Ziele ohnehin nur zu einer Bandbreite von Problemen.

Eines dieser Probleme ist, dass das Erreichen eines Ziels nur eine vorübergehende Veränderung ist – Stichwort Perspektivenwechsel. Wenn beispielsweise das Ziel ist, mal so richtig aufzuräumen und zuhause „klar Schiff“ zu machen, kann dieses Ziel durchaus erreicht werden. Das ändert aber gar nichts daran, dass jemand mit Hang zu einer generellen Unordnung ohne Struktur immer wieder vor das gleiche Problem gestellt wird. Nur weil das Aufräumen einmal gelingt, wird die Wohnung nicht dauerhaft ordentlich sein.

Ein anderes Problem von Zielen ist, dass Gewinner und Verlierer genau die gleichen Ziele haben.

Im Fall von Langstreckenläufen waren der erste und der letzte Läufer bei den olympischen Spielen und beide hatten das Ziel, den Marathon zu gewinnen. Gewonnen hat ihn trotzdem nur einer der beiden. Und das, obwohl beide mit genau dem gleichen Ziel an den Start gegangen sind, nämlich diesen Lauf zu gewinnen.

Wenn klare Ziele nur einzelne Sprints im Leben ermöglichen, und aus uns Verlierer und Gewinner machen, muss es noch einen anderen Schlüssel zur Bewältigung der zähen Mittelstrecken geben.

Schließlich soll es uns auch in diesen Phasen gut gehen, wir wollen körperlich gesund und innerlich im Gleichgewicht sein. Wenn jedes Ziel aber nur einen weiteren Abschnitt markiert, worin liegt dann der Schlüssel, dauerhaft in diese Balance und damit in ein Wohlbefinden zu kommen?

Fokus auf unsere Identität und das, was uns als Personen ausmacht, sagt James Clear. Was ist es, wofür wir selbst stehen wollen und wofür wir uns einsetzen wollen? Wie soll unsere Zukunft aussehen und was können wir dazu beitragen? Was ist es, was uns so am Herzen liegt, dass wir bereit sind, immer wieder einzelne Abschnitte zu gehen?

Indem wir uns selbst mit unserer Identität ins Visier nehmen anstatt das nächste konkrete Ziel, können wir jeden Tag dazu beitragen, diesem Bild von uns in der Zukunft näher zu kommen. Dabei wird es gleichgültig, in welchem Abschnitt unseres Laufs wir uns befinden.

Denn wir haben etwas wichtigeres für uns erkannt: wir können jeden Tag entscheiden, wer wir einmal gewesen sein werden.

Dazu braucht es Hoffnung. Sagt Mark Manson in seinem Buch Everything Is F*cked – A Book About Hope: „The stories of our future define our hopes. And our ability to step into those narratives and live them, to make them reality, is what gives our lives meaning“ (S.70).

Das klingt erstmal groß und vielleicht sogar überwältigend: Zukunftsvisionen, Hoffnung und Sinn. Geholfen hat mir in diesem Kontext die Aussage von Florian Moritz Reister im Philosophiemagazin Hohe Luft, der darin schreibt: „Im Gegensatz zum bloßen Optimismus fragt Hoffnung nach dem Möglichen, ohne das Tatsächliche aus den Augen zu verlieren. Hoffen-Können bedeutet auch Handeln-Können“ (S. 69).

Dieses Hoffen-Können und Handeln-Können gibt uns schließlich die Möglichkeit, bewusst mittendrin zu sein anstatt ‚stuck in the middle‘. Wir wünschen uns nicht einfach etwas, sondern wir machen uns klar, was wir heute und in Zukunft tatsächlich machen können.

Die Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf unser eigenes Wohlbefinden lässt uns den Alltag genießen und unser Wohlbefinden erhöhen. Wie schaffen wir das? Nach Mark Manson benötigen wir dafür drei Dinge: ein Gefühl der Kontrolle, den Glauben an den Wert von etwas und eine Gemeinschaft:

1. Kontrolle

Mit „Kontrolle“ ist gemeint, dass wir das Gefühl haben, unser eigenes Leben unter Kontrolle zu haben. Damit ist auch gemeint, dass wir unser Schicksal beeinflussen können und ihm nicht schonungslos ausgesetzt sind.

2. Werte

„Werte“ bedeutet, dass wir etwas Wichtiges haben (Menschen, Dinge und Themen), auf die wir uns ausrichten können. Es gibt etwas in unserem Leben, wonach es sich zu streben lohnt.

3. Gemeinschaft

„Gemeinschaft“ bedeutet, dass wir Teil einer Gruppe sind, die die gleichen Dinge schätzt wie wir. Es bedeutet, dass wir mit Menschen verbunden sind, die daran arbeiten, diese Dinge umzusetzen.

Dieser Dreiklang erscheint mir sinnvoll, denn ohne Kontrolle über das eigene Leben fühlen wir uns machtlos; ohne eine Gemeinschaft fühlen wir uns isoliert und unsere Werte haben keine Bedeutung mehr; und ohne Werte wiederum erscheint nichts erstrebenswert. Ohne das Gefühl, wir könnten den Langstreckenlauf gut schaffen und seine Bedeutung für unser Leben, würden wir ja auch nicht an den Start gehen.

Es wird wohl nie eine finale Antwort darauf geben, ob der Weg wirklich das Ziel ist, aber es gibt hilfreiche Hinweise, wie wir wahre Meister der Mitte werden können.

So können wir immer wieder im Alltag einchecken und uns folgende Fragen stellen:

  • Was ist für mich so wichtig, dass es nicht nur ein Etappenziel, sondern ein Wert in meinem Leben darstellt? Welche Aspekte möchte ich durch meine Identität und mein Handeln zum Ausdruck bringen?

  • Was kann ich heute tun und konkret beeinflussen, was meinen Alltag verbessert, egal wie groß oder klein?

  • Mit wem kann ich meine Kräfte bündeln, weil wir die gleichen Dinge schätzen? Wen kann ich anrufen, wenn ich mich ‚stuck‘ fühle und mit wem kann ich konkret ins Handeln kommen?

Während ich diese Zeilen schreibe, zeigt sich die Sonne zwischen den Wolken und ich höre ein paar Vögel zwitschern. Ein erster Hinweis, dass die ganz dunkle Winterphase zu Beginn des Jahres vorbei ist? Vielleicht auch eine Erinnerung, dass wir jetzt die nächste Etappe anstreben – dabei mittendrin sind und das Leben genießen. Die Laufschuhe stehen bereit.

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Erstveröffentlichung als Gastbeitrag im Mindful Blog der SenseSisters.

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