Wie war das noch gleich bei den alten Philosophen: „Der Weg ist das Ziel“? Wenn das mal so einfach wäre… Es gibt Phasen im Leben, die wenig spektakulär und irgendwie mühsam sind. Sie gehören weder zum aufregenden Beginn eines Jahres oder Projektes, noch krönen sie den grandiosen Abschluss desselbigen. Als jemand, der mehrere Halbmarathons gelaufen ist, kann ich bestätigen: diese Phasen fühlen sich an wie die mittleren Kilometer eines Langstreckenlaufs. Irgendwie ‘stuck‘.

Da wir aber nicht die einzigen sind, steckengeblieben in diesen Mittelstreckenabschnitten, und viele von uns ganz gut da durchkommen, muss es mindestens eine Erklärung geben, wie wir den Alltag auch – und gerade – in diesen Zwischenphasen annehmen und sogar genießen können. Aber wie?

Vielleicht, indem wir durch diese Phasen Stabilität erhalten oder eigene Routinen entwickeln, um unser Wohlbefinden zu fördern. Vielleicht aber auch, weil Mittelstrecken Möglichkeiten sind, sich eigene Werte bewusst zu machen und den Fokus gezielt darauf auszurichten, anstatt von der nächsten Herausforderung überwältigt zu sein.

Am Start eines Langstreckenlaufs sind wir aufgeregt und voller Neugier – wie so oft bei neuen Dingen, Themen oder Projekten!

Wie wird der Lauf gelingen? Wie wird sich unser Körper anfühlen? Kriegen wir unser Tempo gut in den Griff, nicht zu schnell und nicht zu langsam? Wir sind voll konzentriert und wollen loslegen. Heute ist DER Tag! Gut vorbereitet, neugierig und offen für neue Erfahrungen.

Aber in unserem Alltag ist eben nicht jeder Tag DER Tag. Im Alltag folgt ein Tag dem anderen. Wir sind nicht jeden Tag gut vorbereitet, neugierig und wissbegierig. Im Gegenteil: gerade in den dunklen, eher tristen Wintermonaten scheint das Tageslicht gar nicht zurückkommen zu wollen und wir lechzen nach mehr Energie, mehr Eifer, mehr Abenteuer. Unser Alltagstrott dagegen fühlt sich eintönig an.

Genau das ist das Schwierige an solchen Mittelstrecken: Wir können diesen Umstand nicht ändern, sie gehören zum Leben dazu. Doch wir können eine andere Haltung zu ihnen einnehmen.

Im Buddhismus gibt es das Prinzip des „Beginner’s Mind“, am besten zu übersetzen mit „Anfängergeist“. Im Kern geht es darum, sich einer neuen Aufgabe so zu nähern, wie man es als Anfänger tun würde: gespannt, neugierig und ohne voreingenommen zu sein.

Auch im Alltag können wir diesen Anfängergeist nutzen, um vermeintliche Durststrecken zu überwinden. Anstatt morgens einfach nur schnell fertig zu werden, könnten wir uns dem Tag mit Neugier stellen.

Stellen wir uns vor, den Kaffee zum allerersten Mal zu riechen – was nehmen wir wahr? Und wie wäre es, wenn wir den Weg zum Einkaufen heute zum ersten Mal gehen würde – auf was würden wir achten? Was würden Kinder feststellen, die noch nie in einem Supermarkt waren? Was würde uns auffallen, wenn wir einen Blick von außen auf den aktuellen Projektstatus werfen würden?

Mit der Haltung des Anfängers kann es gelingen, Kilometer acht bis zwölf unseres Halbmarathons mit Freude und Leichtigkeit anzugehen: Sprich, den tristen Februar, die langwierige Zwischenphase des Projektes und den eingefahrenen Alltag neu zu betrachten. So kann der Mittelteil sogar zum Mittel für unser Wohlbefinden werden.

Doch die Krux liegt darin, dass der Mittelteil überhaupt Mittelteil ist.

Bei einem Langstreckenlauf macht das Sinn, es gibt schließlich einen klar definierten Startpunkt und ein eindeutiges Ziel. Dazwischen? Die Mittelstrecke, genau. Aber wenn wir uns aus dem Moment „herauszoomen“, dann ist selbst ein gesamter Lauf nur ein Mittelteil in dem Feld, in dem wir uns langfristig körperlich betätigen wollen. Und noch weiter herausgezoomt: ist jede Etappe unseres Lebens genau genommen ein Mittelteil.

Im Rückblick auf unser Leben – also einmal ganz stark „herausgezoomt“ – waren zum Beispiel zwei Jahre Pandemie vielleicht erst der Anfang von einer großartigen Phase der Persönlichkeitsentwicklung. Oder die vier langen Wintermonate dienten mit viel Lesen und Recherchieren rückblickend nur der Vorbereitung für all die Ausflüge, die wir im Frühjahr umgesetzt haben.

Ist dann wirklich der Weg das Ziel? Nun, wie so oft ist es eine Frage der Perspektive.

Der Autor James Clear vertritt hier einen ziemlich radikalen Standpunkt. Aus seiner Sicht führen konkrete Ziele ohnehin nur zu einer Bandbreite von Problemen.

Eines dieser Probleme ist, dass das Erreichen eines Ziels nur eine vorübergehende Veränderung ist – Stichwort Perspektivenwechsel. Wenn beispielsweise das Ziel ist, mal so richtig aufzuräumen und zuhause „klar Schiff“ zu machen, kann dieses Ziel durchaus erreicht werden. Das ändert aber gar nichts daran, dass jemand mit Hang zu einer generellen Unordnung ohne Struktur immer wieder vor das gleiche Problem gestellt wird. Nur weil das Aufräumen einmal gelingt, wird die Wohnung nicht dauerhaft ordentlich sein.

Ein anderes Problem von Zielen ist, dass Gewinner und Verlierer genau die gleichen Ziele haben.

Im Fall von Langstreckenläufen waren der erste und der letzte Läufer bei den olympischen Spielen und beide hatten das Ziel, den Marathon zu gewinnen. Gewonnen hat ihn trotzdem nur einer der beiden. Und das, obwohl beide mit genau dem gleichen Ziel an den Start gegangen sind, nämlich diesen Lauf zu gewinnen.

Wenn klare Ziele nur einzelne Sprints im Leben ermöglichen, und aus uns Verlierer und Gewinner machen, muss es noch einen anderen Schlüssel zur Bewältigung der zähen Mittelstrecken geben.

Schließlich soll es uns auch in diesen Phasen gut gehen, wir wollen körperlich gesund und innerlich im Gleichgewicht sein. Wenn jedes Ziel aber nur einen weiteren Abschnitt markiert, worin liegt dann der Schlüssel, dauerhaft in diese Balance und damit in ein Wohlbefinden zu kommen?

Fokus auf unsere Identität und das, was uns als Personen ausmacht, sagt James Clear. Was ist es, wofür wir selbst stehen wollen und wofür wir uns einsetzen wollen? Wie soll unsere Zukunft aussehen und was können wir dazu beitragen? Was ist es, was uns so am Herzen liegt, dass wir bereit sind, immer wieder einzelne Abschnitte zu gehen?

Indem wir uns selbst mit unserer Identität ins Visier nehmen anstatt das nächste konkrete Ziel, können wir jeden Tag dazu beitragen, diesem Bild von uns in der Zukunft näher zu kommen. Dabei wird es gleichgültig, in welchem Abschnitt unseres Laufs wir uns befinden.

Denn wir haben etwas wichtigeres für uns erkannt: wir können jeden Tag entscheiden, wer wir einmal gewesen sein werden.

Dazu braucht es Hoffnung. Sagt Mark Manson in seinem Buch Everything Is F*cked – A Book About Hope: „The stories of our future define our hopes. And our ability to step into those narratives and live them, to make them reality, is what gives our lives meaning“ (S.70).

Das klingt erstmal groß und vielleicht sogar überwältigend: Zukunftsvisionen, Hoffnung und Sinn. Geholfen hat mir in diesem Kontext die Aussage von Florian Moritz Reister im Philosophiemagazin Hohe Luft, der darin schreibt: „Im Gegensatz zum bloßen Optimismus fragt Hoffnung nach dem Möglichen, ohne das Tatsächliche aus den Augen zu verlieren. Hoffen-Können bedeutet auch Handeln-Können“ (S. 69).

Dieses Hoffen-Können und Handeln-Können gibt uns schließlich die Möglichkeit, bewusst mittendrin zu sein anstatt ‚stuck in the middle‘. Wir wünschen uns nicht einfach etwas, sondern wir machen uns klar, was wir heute und in Zukunft tatsächlich machen können.

Die Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf unser eigenes Wohlbefinden lässt uns den Alltag genießen und unser Wohlbefinden erhöhen. Wie schaffen wir das? Nach Mark Manson benötigen wir dafür drei Dinge: ein Gefühl der Kontrolle, den Glauben an den Wert von etwas und eine Gemeinschaft:

1. Kontrolle

Mit „Kontrolle“ ist gemeint, dass wir das Gefühl haben, unser eigenes Leben unter Kontrolle zu haben. Damit ist auch gemeint, dass wir unser Schicksal beeinflussen können und ihm nicht schonungslos ausgesetzt sind.

2. Werte

„Werte“ bedeutet, dass wir etwas Wichtiges haben (Menschen, Dinge und Themen), auf die wir uns ausrichten können. Es gibt etwas in unserem Leben, wonach es sich zu streben lohnt.

3. Gemeinschaft

„Gemeinschaft“ bedeutet, dass wir Teil einer Gruppe sind, die die gleichen Dinge schätzt wie wir. Es bedeutet, dass wir mit Menschen verbunden sind, die daran arbeiten, diese Dinge umzusetzen.

Dieser Dreiklang erscheint mir sinnvoll, denn ohne Kontrolle über das eigene Leben fühlen wir uns machtlos; ohne eine Gemeinschaft fühlen wir uns isoliert und unsere Werte haben keine Bedeutung mehr; und ohne Werte wiederum erscheint nichts erstrebenswert. Ohne das Gefühl, wir könnten den Langstreckenlauf gut schaffen und seine Bedeutung für unser Leben, würden wir ja auch nicht an den Start gehen.

Es wird wohl nie eine finale Antwort darauf geben, ob der Weg wirklich das Ziel ist, aber es gibt hilfreiche Hinweise, wie wir wahre Meister der Mitte werden können.

So können wir immer wieder im Alltag einchecken und uns folgende Fragen stellen:

  • Was ist für mich so wichtig, dass es nicht nur ein Etappenziel, sondern ein Wert in meinem Leben darstellt? Welche Aspekte möchte ich durch meine Identität und mein Handeln zum Ausdruck bringen?

  • Was kann ich heute tun und konkret beeinflussen, was meinen Alltag verbessert, egal wie groß oder klein?

  • Mit wem kann ich meine Kräfte bündeln, weil wir die gleichen Dinge schätzen? Wen kann ich anrufen, wenn ich mich ‚stuck‘ fühle und mit wem kann ich konkret ins Handeln kommen?

Während ich diese Zeilen schreibe, zeigt sich die Sonne zwischen den Wolken und ich höre ein paar Vögel zwitschern. Ein erster Hinweis, dass die ganz dunkle Winterphase zu Beginn des Jahres vorbei ist? Vielleicht auch eine Erinnerung, dass wir jetzt die nächste Etappe anstreben – dabei mittendrin sind und das Leben genießen. Die Laufschuhe stehen bereit.

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Die wenigsten von uns bewohnen noch karge Höhlen, ausgestattet nur mit einem Lendenschurz (vor allem nicht diejenigen, die diesen Artikel hier gerade lesen).

Nein, die meisten von uns leben in einer Wohnung oder einem Haus – umgeben von unzähligen materiellen Sachen. Das reicht von Küchenequipment inklusive Töpfen, Besteck und Küchentüchern über Kleidung für festliche Anlässe und unsere gemütlichen Sportoutfits bis hin zu Zahnpasta, Handcreme, Shampoo und Co.

Was davon uns jeder einzelne im Alltag wirklich braucht, können wir selbst entscheiden. Und uns selbst verdeutlichen, indem wir uns auf einem langen Kontinuum von „Sammler“ bis „Minimalist“ einordnen. Ohne, dass man hier eine wissenschaftliche Skala zugrunde legen müsste (oder gar könnte), haben wir alle wohl ein Gefühl, wo in etwa wir uns und unser Sammel- bzw. Kaufverhalten verorten würden.

Geht es allerdings um den Wert der Dinge, die uns umgeben, wird es schwieriger. Hier gibt es keine einfache Messlatte, sondern eher einen multidimensionalen Raum, in dem der Wert (oder die Werte?) einer Sache bestimmt wird.

Dass wir uns nur mit Dingen umgeben sollten, die in uns Freude auslösen, haben wir bereits vor Jahren von Marie Kondo lernen können. Die Grundidee ihrer Konmari-Methode klingt klug und nachvollziehbar: nur das behalten, was Glücksgefühle entfacht („spark joy“). Wenn ich an meine ausgetragene Jeans denke, die nicht mehr richtig sitzt, oder aber an die alte CD-Rom, deren Daten längst auf einem kleinen USB-Stick gespeichert sind, frage ich mich schon, was ich noch damit soll. Diese Dinge bereiten mir sicher keine Freude mehr.

Aber was ist mit dem Staubsauger oder mit dem Abflussreiniger, die bei mir ordentlich verräumt sind und auf ihren regelmäßigen Einsatz warten? Freude lösen diese Dinge sicher nicht aus. Aber das, was aus ihrer Nutzung entsteht, gibt mir ein gutes Gefühl im Alltag und, manchmal wichtiger: Klarheit in meinen Wohnräumen, also in meiner direkten Umgebung (nämlich saubere Böden und freie Abflüsse). Und das ist extrem wertvoll für mich.

Geht es also vielleicht auch um das, was wir mit einer bestimmten Sache erzielen, also eher um den funktionalen Nutzen von etwas?

Der betriebswirtschaftliche Teil meines Herzens schlägt hier gleich höher: nun kommen wir der Sache bestimmt näher – ganz sprichwörtlich! Es geht um Nutzenmaximierung, persönliche Präferenzen, materielle Profite, … – das alles muss doch ganz klar den Wert unserer Besitztümer bestimmen. Oder? Je nach dem, wie hoch die Zeit- oder Kostenersparnis ist, desto mehr schätze ich das Teil. So die These. Der Staubsauger steht also hoch im Kurs (deswegen durfte er wohl auch trotz Marie Kondo bleiben)!

Soweit so gut. Nehme ich jetzt die feine, aber einfache Perlenkette, die ich von meiner Oma geerbt habe und die seit mehr als zehn Jahren im Schmuckkästchen liegt, komme ich wieder ins Grübeln: einen wirklichen Nutzen in Bezug auf Kosteneinsparung oder Effizienzsteigerung im Haushalt bringt sie nicht. Und richtig wertvoll ist sie aus materieller Sicht auch nicht. Freude bringt sie mir aber doch, eine ganze Menge sogar – und das fühlt sich wertvoll an für mich.

Wodurch entsteht nun am Ende ein Wert? Was heißt es genau, den Dingen ihren Wert zu geben?

Die Perspektive des Marketings eröffnet hier eine weitere Sichtweise: eine Sache, also ein Produkt, kann neben einem funktionalen, durchaus auch einen emotionalen Wert haben oder gar einen spirituellen.

Dazu würde auch passen, wovon die Beatles schon gesungen haben: „Money can’t buy you love“. In Bezug auf unser Wohlbefinden geht es um mehr als den rein finanziellen oder materiellen Wert einer Sache. Im Jahr 2010 wurde dies dann auch in einer wissenschaftlichen Studie von Daniel Kahnemann und Angus Deton gezeigt: ab einer bestimmten Einkommensgrenze werden wir Menschen durch mehr Geld nicht glücklicher – zumindest unter der Bedingung, dass unsere existentiellen Bedürfnisse wie Schlaf, Essen, Sicherheit befriedigt sind.

Diese Forschungsergebnisse machen durchaus Sinn, wenn man überlegt, dass eine teure Uhr aus Gold zwar zuverlässig die richtige Uhrzeit anzeigt, unsere Zeit aber nicht vermehren kann.

Der Zusammenhang zwischen dem materiellen Wert einer Sache und dem persönlichen Wohlbefinden wird schon seit Langem beobachtet und hat sich über die Jahrzehnte nicht wirklich verändert. Eine der weltweit umfangreichsten Studie zum Thema „Happiness“ Deton wurde im Jahr 1938 gestartet und untersucht bis heute Faktoren, die zu persönlichem Wohlbefinden beitragen, dazu gehören unter anderem psychosoziale oder biologische Faktoren. Die Kernaussage dieses groß angelegten Forschungsprojektes?

Enge Beziehungen, mehr als Geld oder Ruhm, halten die Menschen ihr ganzes Leben lang glücklich, so die Studie. Diese Bindungen – nicht aber materielle Besitztümer – schützen die Menschen vor Unzufriedenheit im Leben; sie helfen, den geistigen und körperlichen Verfall zu verzögern; und sie sind bessere Prädiktoren für ein langes und glückliches Leben als soziale Klasse, IQ oder sogar Gene.

Was aber bewegt mich dann trotzdem dazu, die Perlenkette meiner Oma bis heute so zu schätzen und nicht bei nächster Gelegenheit auszusortieren? Weil mein Herz daran hängt.

Im Buch „Undinge des deutsch-koreanischen Philosophen Byung-Chul Han findet man dazu folgenden Gedanken: „Der Besitz wird verinnerlicht und mit psychischen Inhalten aufgeladen. Die Dinge in meinem Besitz sind ein Behälter von Gefühlen und Erinnerungen. Die Geschichte, die den Dingen durch einen langen Gebrauch zuwächst, beseelt sie zu Herzensdingen.“

Das leuchtet mir ein. Auch meine Kette ist mit einer Geschichte „beseelt“: die Geschichte, dass sie meine Oma von ihrem Mann geschenkt bekam, und zwar zu ihrer bestandenen Meisterprüfung im Schneiderhandwerk. Mein Opa muss mächtig stolz auf sie gewesen sein. Auf dem verschnörkelten Goldverschluss der Kette sind das Prüfungsdatum und ihr Spitzname eingraviert. Da schwingt tiefe Zuneigung und Liebe mit.

Es wird klar: an dieser Kette hängen nicht nur feine Perlen, sondern auch meine Erinnerungen – an meine Oma und ihren Mann, an ihr Leben und ihre Gefühle. All das ist Teil ihres Erbes an mich und das ist mehr wert als eine Messlatte es ausdrücken könnte.

Vielleicht sind es dann auch nicht die super lässigen Laufschuhe an sich, sondern ihr Effekt: dass ich mich mit ihnen noch besser bewegen und trainieren kann, mich gesund und frei fühle? Vielleicht geht es bei der kleinen Tasche, die ich in Laos gekauft habe, gar nicht darum, wie viel sie gekostet hat, sondern dass sie die Erinnerungen an einen ganz besonderen Urlaubsmoment in sich trägt.

Das würde zum einen zu der Forderung von Marie Kondo passen, dass die Dinge in unserem direkten Lebensumfeld Freude entfachen sollen; zum anderen aber auch nicht ausschließen, was die Wissenschaft sagt: dass es mehr um stabile Beziehungen und emotionales Wohlbefinden geht, als um materielle Besitztümer. Doch die können durch ihren funktionalen Nutzen durchaus zu mehr Lebenszufriedenheit beitragen.

Wertebestimmung ist nicht eindimensional, immer mehrdimensional, heißt, von mehreren Seiten zu betrachten.

Was wir jedoch festhalten können, sind folgende vier Einsichten:

1. Eine Sache, viele Werte:

Jede Sache kann grundsätzlich unterschiedliche Arten von Wert haben, die unseren Alltag bereichern: es kann ein funktionaler Wert sein, dessen Kraft erst in der Anwendung entsteht oder auch ein emotionaler Wert von Dingen, die uns innerlich strahlen lassen.

2. Subjektiver Wert:

Dinge in unserem Alltag können zu Trägern von Erinnerungen oder Gefühlen werden. Damit liegt ihr Wert nicht messbar auf einer wissenschaftlichen Skala, sondern vielmehr in der tiefer gehenden Bedeutung des daran geknüpften Moments. Man denke an das erste Foto als Säugling mit unseren Eltern, in schlechter Qualität und trotzdem wunderschön; das von der Nichte gemalte Bild, was nach dem tollen Weihnachtsfest entstanden ist; oder auch der Korken der Champagner-Flasche, die bei der Einweihung der eigenen Büroräume geköpft wurde.

3. Individuelle Bedeutung:

Welchen Wert wir einer Sache geben, ist vollkommen individuell. Was meiner Nachbarin Freude bereitet, muss es bei mir noch lange nicht tun. Wir entscheiden, welchen Wert wir Dingen beimessen.

4. Bewusstsein für das Wertvolle:

Je mehr wir uns bewusst werden, warum wir bestimmten Dingen ihren Wert geben (und anderen nicht), desto mehr können wir uns mit den Sachen umgeben, die uns Kraft geben, Trost spenden oder Freude bereiten. Oder im Zweifel auch leichter davon trennen?

Vielleicht ist es schlussendlich auch gar nicht mehr so wichtig, wo genau wir uns auf dem Kontinuum „Sammler“ bis „Minimalist“ einordnen, wenn wir uns der Werte einer Sache bewusst sind.

Wir sollten es sogar feiern, dass wir nicht mehr in Höhlen wohnen, sondern Platz für Dinge haben, die wir mit Erinnerungen und Gefühlen aufladen können. So lange wir den Dingen ihren Wert geben und uns nicht mit wertlosem Zeug umgeben, werden wir unseren Alltag mit mehr Klarheit, Ruhe und Freude bestreiten. Wenn das nicht schon wertvoll an sich ist

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In unseren kühnsten Träumen konnten wir früher sein wie sie: mutig und stark, voller Kraft und Zuversicht. Retter mit spektakulären Superkräften, die sich für die Armen und gegen Gewalt einsetzten. Als Helden mit Ringelsocken, Batmobil oder magischem Umhang halfen sie, die Welt vor dem Bösen zu beschützen und inspirierten uns. Auf Bildern, in Büchern und im Fernsehen konnten wir sie erleben, nicht selten als Puppen an unserer Bettkante, die uns im Schlaf beschützten. Eben wahre Helden, die die Welt ein Stückchen besser machten. Und heute, wo – und wer – sind unsere Helden jetzt?

Träumen wir überhaupt noch in Zeiten von Pandemie, Klimakatastrophen, Wirtschaftskrise und humanitären Ausnahmezuständen?

Was kann denn noch als heldenhaft gelten, wo Vieles sowieso ausweglos erscheint? Wo sollen hier denn die Superhelden sein, die sich mutig in luftige Höhen schwingen? Wir sind doch längst am Boden der Tatsachen angekommen. Oder?

Genau so, wie auch ein außergewöhnliches Bild plötzlich angekommen war, mitten in der Nacht in einem englischen Krankenhaus. Es war zu Beginn der zweiten Corona-Welle im Herbst, als sich die Intensiv-Betten dort wieder füllten.

Auf dem Bild zu sehen: ein kleiner Junge, der mit seiner Superhelden-Figur spielt. Aber: Seine früheren Stars haben ausgedient: Spiderman und Batman teilen sich den Platz im Papierkorb. Der Junge hält seine neue Heldenfigur in die Höhe, schaut hoffnungsvoll zu ihr hoch, ihr Umhang weht beim Fliegen.

Alles ist schwarz-weiß gezeichnet, mit einer Ausnahme: das Kreuz auf der Schürze der Heldin ist rot eingefärbt. Und damit wird klar, dass es eine Krankenschwester ist, die hier Superkräfte besitzt.

Banksy „Game Changer“, 2020 (Bildquelle: Christies, https://www.christies.com/en/lot/lot-6309459)

Das Bild ist eine Antwort auf die Pandemie-Situation, mit der wir alle als Gesellschaft konfrontiert waren und weiterhin konfrontiert sind. So, wie auch Viktor Frankl selbst in schwierigsten Zeiten immer wieder Antworten gab. Immer wieder appellierte der Begründer der sinnzentrierten Psychotherapie an die Menschen, dem Leben zu antworten, und somit auch ihre Perspektive zu wechseln. Der kleine Junge im Bild macht es uns vor:

Die Zeiten haben sich geändert, die Herausforderungen auch. Der Wille zum Sinn in uns Menschen bleibt. Und der Wille zum Perspektivenwechsel?

Wie steht es um unseren eigenen Willen, dem Leben zu antworten? Das Bild der Superheldin unserer Zeit stammt aus dem Pinsel des britischen Streetart-Künstlers Banksy. Er selbst übt auf viele eine große Faszination aus, weil es ihm bis heute gelungen ist, seine bürgerliche Identität geheim zu halten. Trotzdem (oder gerade deswegen) schafft er es, eine hohe Wirkung mit seiner kritischen Sichtweise auf politische und wirtschaftliche Themen zu erzielen.

Der Titel des Gemäldes mit dem kleinen Jungen – „Game Changer“ – stellt den Bezug zu eben jener Fähigkeit von Helden her, die es ihnen ermöglicht, eine schier ausweglose Situation zu verändern. Tapfer zu sein und das Spiel zu drehen. Und damit können unsere Helden eine Antwort auf die Herausforderungen geben, die das Leben gerade an sie stellt.

Nicht nur fiktive Heldenfiguren, sondern auch wir Menschen haben diese Superkraft in uns. Nämlich dann, wenn wir uns trauen, größer und weiter zu denken, über den aktuellen Moment hinaus.

Wir können uns von uns selbst distanzieren und uns für etwas einsetzen, was größer ist, als wir selbst – so, wie es die Helden unserer Kindheit getan haben. Wir können auch heldenhaft sein, indem wir die Herausforderungen des Lebens aktiv annehmen und Situationen Schritt für Schritt verändern. Wir Menschen können einen Perspektivenwechsel vornehmen, der erst in unseren Köpfen stattfindet und schließlich konkret umgesetzt wird.

So ist es auch Viktor Frankl als Überlebendem des Holocaust gelungen, eine zutiefst schmerzhafte und lebensbedrohliche Situation zu verändern – erst in seinen Gedanken, später in seinem Alltag. Wie ist ihm das gelungen? Für ihn war es die Vorstellung, dass er in der Zukunft Vorlesungen über die Auswirkungen des Konzentrationslagers auf die menschliche Psyche halten würde, die ihm die entscheidende Kraft zum Überleben gab. Seine Vision von der Zukunft war stärker als seine Verletzungen.

So sehr seine Tage im Konzentrationslager auch von Leid und Schrecken durchdrungen waren, er dachte nicht daran, aufzugeben. Er hielt an seiner Zukunftsvision fest und blieb tapfer. „Denn kein Mensch wisse die Zukunft, kein Mensch wisse, was ihm vielleicht schon die nächste Stunde bringe“ (Frankl, 2015, S. 124). Ob er sich selbst deswegen als Held sah, wissen wir nicht.

Klar ist, dass wir viel von Viktor Frankl lernen können. Er ist ein Vorbild, wenn es darum geht, eine präzise Vorstellung unserer eigenen Zukunft zu entwickeln, obwohl und gerade wenn wir uns in einer scheinbar aussichtslosen Situation befinden.

Der Duden definiert Held als „jemand, der sich durch außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg auszeichnet und durch sein Verhalten zum Vorbild [gemacht] wird“. Wenn wir „Krieg“ einmal gleichsetzen mit „gesellschaftlichem, ökologischem oder wirtschaftlichem Ausnahmezustand“, wird klar, warum die Krankenschwester in Zeiten einer Pandemie zur Heldin wird. Ihre Ausdauer, ihr Einsatz und ihre Tapferkeit werden zum Vorbild, auch für den kleinen Jungen im Bild.

Indem Banksy das heldenhafte Verhalten von Krankenschwestern und -pflegern in den Mittelpunkt stellt, ist ihm mit seinem Werk „Game Changer“ gelungen, den Fokus auf die guten Kräfte in der Pandemie zu lenken. Er hatte das Bild an die englische Klinik geschickt, um sich für den Einsatz der Pflegekräfte in der Corona-Pandemie zu bedanken. Sein Gemälde spricht eine deutliche Sprache, die keine fiktiven Wunschfiguren als Helden erachtet (wir erinnern uns: Batman und Spiderman landen im Mülleimer), sondern Menschen. Menschen, die mit besonders viel Herzblut, Expertise und Ausdauer handeln, aber am Ende eben doch Menschen wie du und ich.

Es ist die Zeit für Alltagshelden gekommen. Helden der Jetzt-Zeit, die wir mehr denn je brauchen.

Lasst uns also auf die Suche gehen und die Alltagshelden entdecken, denn sie können uns Zuversicht bieten und aus Krisen retten. Das sind jene Menschen, die nicht aufgeben und die sich für Veränderungen zum Guten einsetzen. Das sind Persönlichkeiten, die den Mut haben, die Zukunft anders und positiver zu denken, als sie heute erscheinen mag und damit als Vorbild dienen. Das sind Leute, die gar nicht immer laut, sondern manchmal besonders leise und beständig arbeiten und deren vermeintlich kleine Gesten zum echten Game Changer in unserem krisengeschüttelten Alltag werden.

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird: wir müssen nicht weit schauen, denn die Helden unserer Zeit sind ganz nah. Wir sind es selbst, wenn wir nur wollen.

Wir wissen, dass wir alle eine starke Vorstellungskraft entwickeln können, so wie Viktor Frankl, der noch im Konzentrationslager davon träumte, Vorlesungen zu halten. Wir können tapfer sein in dieser Krisenzeit. Wir können ein Bild von der Zukunft entwickeln, in der wir über uns hinausgewachsen sind und die aktuellen Herausforderungen überwunden haben. Und wir können dieses Bild Stück für Stück in die Realität umsetzen und ausweglose Situationen drehen. So, wie die Superhelden uns das früher vorgemacht haben. Als Kinder erschienen uns diese Vorbilder schier unerreichbar. Doch gerade jetzt, in Zeiten von gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Krisen, liegt es an uns, heldenhaft zu handeln.

Wir wissen, dass es oft die kleinen Dinge sind im Leben, die einen Unterschied machen: das offene Ohr im Hausflur für den einsamen Nachbarn; unserer Aufforderung zum Wählen nachkommen; die extra fünf Minuten nach Dienstschluss, um der Kollegin einen Raum fürs verbale Auskotzen über die Herausforderungen im Lockdown zu geben; und auch mal das Lieblingseis bei Regenwetter und 12 Grad für die Neffen und Nichten.

Banksy hat uns mit seinem Bild der Krankenschwester daran erinnert, dass wir Menschen selbst heldenhaft sein können – hier und jetzt, in dieser verrückten Zeit.

Er hat uns daran erinnert, dass es in Krisenzeiten wie heute nicht um den (fiktiven) Retter mit spektakulären Superkräften geht, sondern darum, das zutiefst Menschliche in den Vordergrund zu stellen. So entstehen Heldengeschichten heute, nicht durch abgefahrene Special Effects oder wehende Zauberumhänge.

Die Wandlung der Krise in eine bessere Zukunft kann durch uns als Alltagshelden entstehen.

Durch unser eigenes Verhalten können wir ein Vorbild für andere sein. So können wir uns selbst retten: wenn wir den Mut haben, das Bild von der Zukunft aktiv zu gestalten – erst in unseren Köpfen, dann in unserem Alltag.

Dass die Vorbildfunktion heldenhafter Menschen neben dem eigentlichen Marktwert auch einen ideellen Wert hat, zeigte übrigens die Auktion dieses Banksy-Kunstwerks im März 2021: „Game Changer“ erzielte mit 16,8 Mio. Pfund (ca. 19,5 Mio. Euro) einen Rekordpreis. Der Erlös wurde an die britische Gesundheitsbehörde gespendet. Vielleicht auch, um noch mehr Superhelden auf ihrer Mission zu unterstützen.

 

© Ein Artikel von: Dr. Nina Bürklin.

 

 

Ich sage es gleich vorneweg: wir stecken da alle zusammen drin! In all den Anforderungen, die der bevorstehende Herbst mit sich bringt: die politischen Veränderungen, die vierte Corona-Welle, Ungewissheit in Bezug auf neue Regelungen und mögliche Einschränkungen, Sorge um unsere Lieben und deren Gesundheit. Gerade noch im Sommerurlaub (endlich mal wieder rauskommen…) und schon wieder zurück zur Normalität. Sofern man das alles noch „normal“ nennen kann.

Denn die Pandemie ist noch nicht überwunden und es scheint angesagt, sich jetzt bewusst auf die kommenden Wochen und Monate einzustellen.

Wenn Du Dich unsicher oder ängstlich aufgrund der aktuellen Situation inklusive Pandemie, den politischen Neuerungen (wenn denn dann welche kommen) und mehr und mehr Klimakatastrophen fühlst, kannst Du Dir einer Sache sicher sein: Du bist nicht alleine. In Zeiten dieser Ungewissheit steht fest, dass wir alle auf die eine oder andere Art und Weise berührt, ja gar betroffen sind

Die gute Nachricht ist: es wäre sogar ungewöhnlich, wenn wir uns nicht betroffen fühlen würden. Die schlechte Nachricht ist: das mulmige Gefühl, die Ängste oder Sorgen sind deswegen aber nicht gleich weg. Ganz im Gegenteil.

Die Ungewissheit, welche auch ein andauernder Ausnahmezustand wie die Pandemie mit sich bringt – wie lang sie noch andauern wird, wer davon getroffen wird, wie sie unser Leben ändern wird – löst Unsicherheit aus.

Und Unsicherheit fördert Angst bei uns Menschen.

Aus evolutionsbiologischer Sicht macht das durchaus Sinn. Unser Körper findet durch solche instinktiven Reaktionen einen Weg, äußere Reize einzuschätzen und entsprechend darauf zu reagieren, um mögliche Gefahren abzuwenden.

„Fight or flight“ – dem Tiger in die Augen schauen

Bei der Bedrohung durch einen wilden Tiger oder einen unbändigen Greifvogel führt die ausgelöste Angst dazu, dass Menschen besonders aufmerksam sind, um sich in dieser Gefahrensituation bestmöglich zu schützen und ihr Überleben zu sichern.

Zuständig dafür ist das limbische System in unserem Gehirn. Die Informationen unserer Sinneseindrücke werden blitzschnell über den Thalamus an die Amygdala gesendet und dort verarbeitet. In der Forschung geht man davon aus, dass sie innerhalb von Bruchteilen von Sekunden Situationen bewertet und – im Fall von Angst – die entsprechende Defensivreaktion steuert. Das Herz rast, der Blutdruck steigt, Schweiß bricht aus – alles körperliche Reaktionen, die uns auf einen Kampf oder auf die Flucht vorbereiten (übrigens noch lang, bevor wir die Angst überhaupt bewusst wahrnehmen können). „Fight or flight“. In solchen Fällen kann Angst also Leben retten.

Doch die meisten von uns sind heutzutage eher selten von wilden Tigern oder Greifvögeln bedroht – daran hat auch Corona nichts geändert. Was die Pandemie aber bei uns geändert hat, ist, dass wir trotzdem Angst haben. Und zwar inklusive all der körperlichen Symptome.

Der Unterschied zur Begegnung mit dem wilden Tiger ist, dass wir vor dieser eher subtilen, fast diffusen Angst genau nicht wegrennen oder in den Kampf gehen können.

Die ausgeschütteten Stresshormone und die körperliche Anspannung in unserem Körper werden also nicht abgebaut. Wie kann uns der wilde Tiger aber dennoch weiterhelfen?, fragst Du Dich jetzt vielleicht.

Kontrolle ist gut – Bewusstsein ist besser

Im April 2020, auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle, gab die US-amerikanische Bestseller-Autorin Elizabeth Gilbert ein Interview im so genannten TED Connect-Format zum Thema „Überforderung in der Pandemie(ein „richtiger“ TED Talk mit live Event und hunderten Besuchern vor Ort war da schon außerhalb jeder Vorstellungskraft). Am Ende beantwortete sie unter anderem die Frage einer Krankenhausmitarbeiterin, wie sie und ihr Team denn mit der Situation umgehen sollten. Alles wäre außer Kontrolle geraten, berichtete die Zuhörerin, so etwas hätte es noch nie gegeben.

Gilberts Antwort war bemerkenswert: die Annahme, wir Menschen könnten alles unter Kontrolle haben, sei von jeher falsch gewesen. So sehr wir es uns wünschen würden, so wenig könnten wir je alles unter Kontrolle haben. Der eigentliche Schock sei nicht der Kontrollverlust als solcher, sondern die Erkenntnis, dass nie alles unter Kontrolle war.

Vielleicht wirkt diese Erkenntnis für Dich jetzt entmutigend oder gar verstörend. Wenn nichts unter Kontrolle ist, was soll dann all die unangenehme Konfrontation mit Unsicherheit und Angst überhaupt?

Doch es ist genau diese Auseinandersetzung, die uns zeigt, dass wir heute besser gestellt sind als unsere Vorfahren. Der wilde Tiger heißt heute vielleicht Pandemie. Und Bedrohungen, die Angst auslösen, gibt es heute vielleicht mehr denn je. Aber im Gegensatz zu damals können wir dem Tiger in die Augen sehen: Wir können unsere Situation weitaus mehr beeinflussen als nur zwischen Flucht und Angriff zu entscheiden. Je bewusster wir uns Ängsten stellen, desto besser können wir damit umgehen.

Gilbert hatte Recht: wir können nicht alles kontrollieren, aber wir können unsere eigenen Handlungen und Gedanken bewusst steuern. Auch Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, erinnerte in seinen Vorträgen immer wieder daran, dass wir aus einer selbstverantwortlichen Haltung heraus zwar nicht die Umstände ändern können, in denen wir leben, aber unsere Einstellung dazu.

Diesem Gedanken folgend können wir alle auch in Zeiten einer Pandemie unsere vermeintliche Hilflosigkeit überwinden und uns selbst in eine Position des Gestalters bringen – keine Flucht, kein Kampf, sondern durch proaktives Handeln. Immerhin können wir kontrollieren, was wir (!) tun.

Hier sind 3 Tipps für den Umgang mit Unsicherheit in Zeiten von Pandemie und Klimawandel.

1. Spüre Dich und Deinen Körper mit allen Sinnen

  • Gib‘ Dir immer mal wieder einen Moment Zeit, um zu realisieren, was und wie Du Dich gerade fühlst – und diesen Zustand anzunehmen. Gerade in ungewissen Zeiten ist es wichtig, unsere Gedanken und Gefühle wahrzunehmen. Ganz nach dem Grundsatz „If you name it, you can tame it“ (wenn du es benennen kannst, kannst du es zähmen).

  • Verbinde Dich mit Deinem Körper und spüre ihn, das ist manchmal leichter gesagt als getan. Ein paar praktische Ideen: presse Deine Füße langsam und fest auf den Boden; atme tief ein und aus und nehme Deinen Atem bewusst wahr, z.B. am Bauch oder im Brustbereich; presse Deine Fingerspitzen langsam zusammen. Wichtig ist, dass es hierbei nicht darum geht, Dich selbst abzulenken oder unangenehme Gefühle zu verdrängen. Das Ziel ist, diese bewusst wahrzunehmen UND Dich in Deinem Körper zu erden.

  • Achte auf das, was Du jetzt gerade tust. Hierbei kann es helfen, 5 Dinge zu benennen, die Du siehst; 4 Dinge, die Du hörst; 3 Dinge, die Du schmeckst oder riechst.

Meine Erfahrung zeigt, dass eine hilfreiche Routine daraus wird, wenn Du die drei Schritte langsam drei bis vier Mal hintereinander wiederholst, sodass eine ca. 3-4-minütige Übung daraus wird. Du kannst sie auch mehrmals am Tag anwenden, sogar dann, wenn Du unterwegs bist. Von außen sieht vermutlich niemand, was Du gerade machst, aber die innere Kraft und der Fokus auf das Wesentliche lassen Dich ruhiger werden.

2. Pflege Deine sozialen Kontakte, denn Du bist nicht allein.

  • Wie wäre es, wenn Du das nächste Mal das direkte Gespräch suchst, anstatt nur kurz eine Textnachricht zu schreiben. Die Stimme eines guten Freundes zu hören, gemeinsam zu lachen (oder auch zu weinen) lässt uns Nähe spüren – und den wilden Tiger da draußen ein bisschen weniger bedrohlich erscheinen.

  • Und für viele von uns ist es wieder möglich, enge Freunde oder Bekannte in Person zu treffen. Selbst wenn es nur ein kurzer Spaziergang in der Mittagspause oder das kurze Gespräch nach Feierabend ist.

  • Sag‘ danke, das tut Deinem Gegenüber gut und Dir selbst auch. Egal, ob es beim Einkauf im Drogeriemarkt ist oder in einer E-Mail an Deine Kollegin.

3. Fokussiere Dich auf heute (nicht auf gestern, nicht auf morgen)

  • Überlege Dir eine Sache, die Dich heute in Deinem Alltag unterstützt: vielleicht kannst Du jemandem um Unterstützung beim Einkauf oder bei der Kinderbetreuung bitten, vielleicht sind es heute auch lediglich 10 Minuten Ruhe bei einer Tasse Tee am Nachmittag, die Dich gut durch den Tag bringen.

  • Was kannst Du jetzt konkret tun, um gut für Dich und Deine Lieben zu sorgen? Es ist erstaunlich, wie viel das Lieblingsessen, ein Anruf oder eine kurze Umarmung manchmal ausmachen können.

  • Denke an etwas, für das Du heute in diesem Moment dankbar bist – egal, wie groß oder klein es auch erscheinen mag.

So bietet der Herbst neben vielen Herausforderungen auch eine Menge wertvoller Momente, in denen wir nicht allein sind. Schließlich stecken wir da alle zusammen drin, auch in den guten Zeiten.

Trau‘ Dich und sei verrückt: gib‘ dem Pandemie-Tiger einen Namen und beginne Schritt für Schritt, ihn zu zähmen. Vielleicht wird aus dem wilden Tier eines Tages ein Schmusekätzchen, was Dich nur noch im Entfernten an Flucht oder Kampf erinnert.

Vielmehr könnte er sich zu einer Erinnerung daran entwickeln, was es bedeutet, Deinen Fokus auf das zu legen, was uns wichtig und was möglich ist – nicht gestern oder morgen, sondern heute.

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